HALLO, HALLO. DU LEISE, STILLSTEHENDE WATTEWELT.
Ich habe von Menschen gehört, die Nachrichten erfahren haben und diese Momente so beschreiben, als würde alles auf einmal stillstehen. Die komplette Welt. Und dass der Moment der Nachricht so unglaublich leise war.
Ich habe von Menschen gehört, die jene Momente so beschreiben, als würde es auch in ihnen plötzlich unglaublich leise werden. Und dass sie – wie in Watte gepackt – alles nur noch dumpf wahrnahmen.
Ich habe von Menschen gehört, dass sie diesen Moment niemals vergessen werden. Dass sie beschreiben, dass nach diesem Moment plötzlich alles anders war. Dass sich die Welt ab diesem Moment irgendwie anders drehte.
Ich habe von Menschen GEHÖRT. Nur GEHÖRT.
Habe mich immer gefragt, was sie wohl meinen.
Habe mich immer gefragt, wie sich so eine leise, stillstehende Wattewelt wohl anfühlt.
Oh, du seltsame Neugier …
Zitat:
„Es gibt Momente im Leben, da steht die Welt einen Augenblick still. Und wenn sie sich dann weiterdreht, ist nichts mehr, wie es einmal war.“
1. DER MOMENT
Als ich von ihrer Diagnose erfahren habe, da stand die Welt für mich wirklich still.
Ich weiß nicht, wo die ganzen Geräusche hin sind.
Als wären sie alle aufgesogen worden.
Wo verdammt noch mal sind denn bitte die Geräusche hin?
Und anstatt der mir gewohnten Realität schlich sich all jene Watte in mein Leben. Erst füllte sie kleine Ecken und packte mich dann vollständig ein.
Woher kommst du, Watte? Und warum bist du jetzt hier?
Als ich von ihrer Diagnose erfahren habe, war nur noch Stille in mir.
Wie auf der ganzen großen, weiten Welt.
Sie kann mir doch nicht genommen werden?
Wo verdammt noch mal sind all die Geräusche hin?
Wieso dreht sich meine kleine große Welt nicht mehr?
Ist hier irgendetwas kaputt? Ist hier irgendwer kaputt?
… Alles fühlt sich anders an …
Hallo, hallo, du leise, stillstehende Wattewelt.
Ist nicht so, dass ich gehofft habe, dass wir uns jemals kennenlernen.
Oh, du seltsame Neugier. Bin ich schuld?
Hallo, hallo, leise, stillstehende Wattewelt.
Wie lang bin ich schon da? Sekunden? Minuten? Stunden?
Weißt du das?
Kannst du mir sagen, was ich hier soll?
Wo verdammt noch mal ist alles hin?
Warum gibt es in dir keine Gefühle?
Warum gibt es in dir weder ein Heute noch ein Morgen?
Wie mit einem Regler wurde, während du mich in dir aufgenommen hast, alles immer leiser und leiser gedreht. Geräusche, Gefühle.
Sogar mein Körper fühlt sich taub in dir an.
Wie hast du das gemacht?
Sind mir meine Gefühle ausgegangen?
Als hätte man sie einfach aus mir herausgefegt.
Ist es normal, so leer zu sein?
Und wieso kann Stille so unglaublich laut sein?
Wieso dröhnt sie so sehr in meinem Kopf?
Wie hast du das gemacht?
In meinem Kopf ist nur diese eine Nachricht. Diese eine Nachricht.
Ich sitze auf meinem Bett, gemeinsam mit dieser einen Nachricht, die mich musternd beobachtet.
Ich frage mich, ob sie irgendeine Reaktion erwartet.
Ich frage mich, ob wir für immer hier nebeneinandersitzen können, ohne dass ich mich mit ihr auseinandersetzen muss.
Ich frage mich, wie es wohl weitergeht.
Ich frage mich, wie lange ich sie wohl ignorieren kann.
Ich will mich nicht all diese Dinge fragen müssen.
Hallo, hallo, leise, stillstehende Wattewelt.
Ist nicht so, dass ich gehofft habe, dass wir uns jemals kennenlernen.
Oh, du seltsame Neugier. Bin ich schuld?
In dir hat man wohl gar nichts zu sagen.
Es gibt nichts, das ich sagen oder teilen will.
Hören will ich auch nichts.
Vielleicht ist es deshalb so still in dir.
Weil niemand mehr sprechen oder hören will.
Und so gedämpft. Alles ist so gedämpft.
Vielleicht machst du Sinn, du stillstehende Wattewelt.
Meine kleine große Welt hat sich aufgehört zu drehen.
Nichts auf der Welt kann mich da rausholen.
Nichts hätte etwas geändert.
Sagt nicht „alles wird gut“, wenn ihr es nicht wisst.
Nichts auf der Welt macht Sinn. Nichts. Und immer noch dieses Nichts.
Als würde alles gerade aufgehört haben zu existieren.
Habe ich aufgehört zu existieren?
Wo ist meine alte Welt?
Wo ist mein altes Ich?
Geht es morgen weiter? Geht es irgendwann weiter?
Sag, du stillstehende Wattewelt: Gibt es überhaupt ein Morgen?
Lässt du mich irgendwann wieder gehen oder bist du meine neue Welt?
2. DER MORGEN DANACH
Am Morgen danach stand sie für mich immer noch still – trotz dem Bewusstsein, dass sie sich für alle anderen gerade vollkommen normal weiterdreht – diese verrückte Welt.
Dieses Bewusstsein macht mich gerade fertig.
Mir ist klar, dass es Menschen gibt, für die es ein ganz normaler Donnerstag ist.
Die aufstehen und ihren Alltagssorgen nachgehen.
Es kommt mir vollkommen absurd vor, dass sich meine Welt gerade so verändert hat und bei anderen es ein ganz normaler Tag ist.
Dass es bei ihnen einfach so weitergeht.
Sie nicht im Stillstand verharren.
Und meine kleine große Welt?
Ist sie nichts wert?
Es ergibt keinen Sinn.
Weißt du, was überhaupt Sinn ergibt?
… Ich weiß nicht, wie lange ich schon am Fenster sitze …
Guten Morgen, leise, stillstehende Wattewelt.
Anscheinend gibt es in dir doch einen Morgen.
Ist nicht so, dass ich gehofft habe, dass wir uns jemals kennenlernen.
Oh, du seltsame Neugier.
Und nochmal: Bin ich schuld?
Guten Morgen, leise, stillstehende Wattewelt.
Ich kann dich gar nicht verstehen.
Es geht doch nicht um mich.
Es ist doch nicht meine Diagnose.
Wieso bin ich also hier?
Wieso all das Drama?
Was willst du von mir?
… Wenn ich lange genug vor mich hinstarre, dann kann ich die Luft flimmern sehen.
Das ist alles, was mir gerade auffällt …
3. DER MOMENT NACH DEM MOMENT NACH DEM MOMENT?
Die Stille scheint langsam, aber sicher immer lauter zu werden,
nimmt mich irgendwie ein und zeigt immer mehr ihre Präsenz …
Und dann, dann drehte sich meine Welt schlagartig weiter.
Ein grauenvolles Erwachen, mit erhöhter Intensität.
Alles wird von der einen Sekunde zur nächsten unglaublich laut und intensiv.
Ich will mir die Ohren zuhalten, doch kann es nicht,
da das Gefühl in mir so viel schlimmer ist.
Als würde mitten in meiner Brust etwas in tausend einzelne Stücke brechen.
Es kommt mir vor, als wäre alles Glück aus mir gesogen worden.
Mein Kopf ist laut, meine Gefühle intensiv und mein Körper tut weh.
Alles in jener einen Sekunde.
Als würde man im Karussell stehen und hätte nicht erwartet,
dass es plötzlich und ruckartig wieder losgeht.
Also falle ich, und all die Emotionen bringen mich schlagartig zum Weinen.
So bitterlich, dass ich nicht weiß, ob es jemals ein Ende haben wird.
Denn jetzt wird mir wirklich klar: Ab jetzt wird es nicht mehr sein wie zuvor.
Jetzt ist die Nachricht angekommen.
Jetzt bin ich zurück.
Jetzt ist die Diagnose wahr.
Ja, die Welt drehte sich nun endlich wieder weiter,
verursacht ein Chaos in mir,
nimmt mir den Atem
und lässt mich drehend zurück.
Drehend, kaum atmend und fragend.
Fragend nach dem großen Warum, fragend nach: Warum sie und nicht ich?
Fragend nach der eigenen Stärke – und ihrer Abwesenheit.
Es geht nicht um mich. Es geht nicht um mich. Es geht verdammt noch mal nicht um mich.
Wieso fühle ich mich so? Es geht doch nicht um mich.
Ist es meine Schuld? Habe ich nicht gut auf sie aufgepasst?
Wo verdammt noch mal bist du, leise, stillstehende Wattewelt?
Ich verkrafte nicht, dass es weitergeht.
Dass sich alles so wahnsinnig schnell dreht.
Tut mir leid, dass ich dich hinterfragt habe.
Nimmst du mich zurück?
Bitte nimm mich zurück.
Ich kann es nicht ertragen.
Ich kann nicht ertragen, dass ich ihr den Schmerz nicht nehmen kann.
Ich kann nicht ertragen, dass ich mit ihr nicht tauschen kann.
Ich kann nicht ertragen, was sie nun ertragen muss.
Ich kann nicht.
Schluss jetzt, es geht doch nicht um mich. Oder?
Und irgendwann stellte ich fest:
Doch, es geht wohl auch irgendwie um mich.
Ich habe etwas Fürchterliches erfahren – mein Herz wurde gebrochen –
in tausend Stücke zerrissen, und meine Welt stand einen Augenblick still.
Doch ich darf sagen, dass es in diesem Moment auch um mich ging.
Denn das bedeutet nicht, dass es weniger um meine Schwester geht.
Dass ich weniger stark für sie sein werde oder ihr weniger beistehen werde.
Oh, das werde ich – aber in dieser kurzen Zeit, in der meine Welt aus den Fugen geraten ist,
ging es auch um mich.
Und so ließ ich alles zu und fand zurück in die sich nun anders drehende, neue, verrückte Welt.
Erst mit kleinen Schritten,
und nun mit immer größeren.
Immer mutigeren.
Immer neugieriger.
Ich lerne jene Welt neu kennen und weiß noch immer nicht,
wie sie sich wann dreht und wie sie nun ist.
Doch ich nehme Teil.
Ich drehe mich mit ihr, immer und immer wieder.
Und ich weiß, dass ich mit meiner Schwester bis ans Ende dieser neuen Welt gehen werde.
Dass wir uns gemeinsam für immer drehen werden,
und ich da sein kann – und werde.
In dieser seltsamen neuen Welt.
In diesem bunten Chaos, das sich wohl Leben nennt.
Wir werden zusammen mutig sein.
Wir werden zusammen aufstehen, wenn wir fallen.
Immer einmal mehr, als wir hinfallen.
Das haben wir uns versprochen, und genau so werden wir es machen.
Für immer und ewig.
Also Sarah:
Wenn es Tage gibt, an denen du neben dir stehst,
dann sei nicht besorgt, denn da stehe ich dann auch.
Ich werde neben dir stehen.
Ich werde hinter dir stehen.
Ich werde vor dir stehen.
Ich werde immer genau dort stehen, wo du mich in jenen Momenten brauchst.
Also, wenn es Tage gibt, an denen du neben dir stehst,
dann sei nicht besorgt,
denn da stehe ich schließlich auch.
4. ERGÄNZUNG
Ist euch mal aufgefallen, dass es manchmal an den lautesten Plätzen plötzlich unglaublich leise ist?
Hört mal hin.
Meistens gibt es nur eine einzige leise Sekunde.
Ich denke, dass das passiert, wenn für irgendeinen Menschen auf der Welt plötzlich die Welt aufhört, sich zu drehen.
Eine Sekunde lang bekommen wir es mit.
Hört mal hin.
