TRAURIGKEIT & DIE SACHE MIT DER LUFT
01 – Alles gut
Hey, hallo, schön von dir zu hören.
Jaja, ich weiß, das ist normal.
Aber mal ehrlich: Gut, dass mir sowas nicht passiert.
Ja, ich weiß, es wäre okay, wenn es mir passiert.
Aber wie gesagt: Gut, dass mir das nicht passiert.
Ich weiß nicht, wie ich's sagen soll, aber so bin ich nicht. Ich bin nicht traurig.
Nicht so bedrückt, bekümmert, leidvoll, gebrochen, freudlos, deprimiert.
Nee, so bin ich nicht. Nicht ich. Niemals. Wirklich.
Du weißt doch, mich ruft man an, wenn’s einem nicht so gut geht.
Jaja, stimmt – die meisten lieben mein Lächeln, mein Strahlen, meine Energie.
Diese Freude. Dieses Funkeln.
Jaja, wenn ich ehrlich bin, brauche ich manchmal einfach eine kurze Pause.
Um mal nicht zu funktionieren.
Um ein bisschen traurig zu sein.
Einfach mal absolut nichts zu sein.
Einfach vor mich hin zu existieren. Nur ich.
Ja, und irgendwie auch, um mich etwas aufzulösen. Das kann meine Traurigkeit recht gut…
Wenn sie sich über mich legt – ja, sorry, irgendwie gefällt mir das manchmal.
Hey, hallo, schön von dir zu hören.
Jaja, ich weiß, das ist normal.
Aber mal ehrlich: Gut, dass mir sowas nicht passiert.
Ich bin nicht so grau wie all die anderen Menschen, weißt du?
Mein Leben ist so unglaublich bunt, es funkelt und strahlt – all die Abenteuer.
Da ist so viel Licht, wo soll denn da bitte Schatten sein?
Ich liebe mein Leben. Ich liebe es. Wirklich.
Jaja, wenn ich ehrlich bin, brauche ich manchmal einfach eine kurze Pause.
Bisschen durchatmen, kennt ja jeder Mensch mal.
Zum Traurigsein, du weißt schon.
Bisschen weinen und bisschen aufgeben, man kennt es ja.
Ich mag nur nicht, dass dann auch diese Angst kommt –
besonders, wenn ich alleine bin.
Jaja, du, ich bin gleich wieder da… gleich…
Wirklich… ich brauche nur eine kurze Pause.
Hey, weißt du, irgendwie lädt mein Akku nicht mehr richtig.
Ich lade und lade – und bin trotzdem andauernd so leer. Kraftlos.
Als gäbe es kein Fünkchen Energie mehr in mir.
Jaja, voll! Ich liebe mein Leben. Wirklich.
Aber weißt du?
Mit so einem leeren Akku ist es manchmal bisschen schwer.
Hey, hallo, schön von dir zu hören.
Jaja, ich weiß, das ist normal.
Aber mal ehrlich: Gut, dass mir sowas nicht passiert.
Ja, ich weiß, es wäre okay, wenn es mir passiert.
Aber wie gesagt: Gut, dass mir das nicht passiert.
Nee, ich bin nicht traurig. Oder ängstlich. Ich bin ein mutiger Mensch.
Ja, vielleicht bist du ja traurig. Wovor hast du eigentlich Angst?
Boah ja, ich bin auch mega dankbar. Ja, alles gut. Alles ist gut. Wirklich.
Ja, jetzt übertreib nicht. Jeder ist mal traurig, oder? Oder leer und erschöpft.
Wie so aus einem Newsletter – würde ich mich manchmal gerne eine Zeit lang aus dem Leben austragen.
Dass mich endlich mal nichts mehr erreicht.
Dass die Welt mal stillsteht.
Nichts mehr Neues passiert oder bei mir ankommt.
Warum?
Weißt du, ich hab da diese Sache mit der Luft.
Jaja, alles gut, aber ich bekomme so wenig von ihr…
Ja, wenn mich überhaupt etwas beunruhigt, dann das.
Wie es sich anfühlt?
Ach, das kennst du bestimmt!
Als würde man innerlich irgendwie ertrinken,
umhergewirbelt werden von einer riesigen Welle an Emotionen.
Und dann kommt Welle für Welle – und die Luft fehlt…
Als würde etwas nach deinem Herzen greifen – es wird immer enger.
Ich bin mir nicht sicher…
Ich bin mir nicht sicher, ob das direkt „Panik“ ist.
Weißt du, wenn ich keine Luft bekomme,
dann kann ich irgendwie nicht klar denken.
Hey, hallo, schön von dir zu hören.
Jaja, ich weiß, das ist normal.
Aber mal ehrlich: Was wäre, wenn?
Würde ich dann in ein tiefes, dunkles Loch fallen,
wo ich endlich meine Ruhe habe?
Glaub, ganz schön dort.
Wenn mal niemand an einem reißt,
niemand einen zerreißt.
Da könnte ich da unten ganz unbeschwert vor mich hin existieren und mich auflösen.
Glaubst du, man kann dort kaputte Akkus aufladen?
Glaubst du, man kann sie dort reparieren?
Glaubst du, man kann mich reparieren?
Also, ich meine das nur so generell.
Jaja, also wenn überhaupt was passiert ist, dann halt die Sache mit der Luft, weißt du.
Die bekomme ich irgendwie nicht so richtig.
Die fehlt mir wirklich manchmal.
Gibt es in den dunklen Löchern eigentlich genug Luft?
Naja, leerer wird’s nicht, ge?
Hey, hallo?
Du, ich glaube, ich bin manchmal fürchterlich traurig. Ganz, ganz arg.
Dann legt sich die Traurigkeit so schwer um mich, wie ein viel zu enger Mantel.
Das macht mich panisch, lässt mir kaum noch Luft zum Atmen.
Aber irgendwie noch genug Luft, um weiter danach zu schnappen.
Ich will nicht nach Luft schnappen müssen.
Hallo Traurigkeit, ich mag dich nicht.
Lass mich in Ruhe. Du machst keinen Sinn.
Ich dachte nicht, dass mir sowas passiert.
Ich dachte immer, dass es okay ist, wenn –
aber irgendwie stimmt das nicht.
Fühlt sich nicht „okay“ an.
Ich hätte lieber ein gebrochenes Bein.
Kann ich bitte ein gebrochenes Bein haben?
Glaub, das kann man leichter reparieren.
Ach Quatsch, alles gut.
Mach dir keine Sorgen. Kein Stress. Kein Problem.
Ich brauche wirklich nur eine kurze Pause. Das habe ich doch schon gesagt.
Ich brenne nicht aus. Ich brenne für – für alles und jeden.
Ich liebe mein Leben. Wirklich.
Also: Alles gut. Ich leg mich nur nochmal hin,
denn ich bin einfach so schrecklich müde.
02 – Die Sache mit der Luft
Hey, hallo?
Ich weiß, ich bin etwas abgetaucht, ich will auch nicht stören.
Aber weißt du – ich hab da die Sache mit der Luft.
Also die Sache ist, dass ich sie einfach nicht bekomme.
Nee, nee, alles gut, nur diese eine Sache.
Ja, manchmal bin ich etwas traurig. Und müde. Und ein bisschen Angst habe ich auch.
Ob ich aufstehen will? Nein, das möchte ich nicht.
Ob ich aufhören will zu weinen? Nein, das möchte ich nicht.
Ich würde gerne die Sache mit der Luft besprechen. Da weiß ich grad nicht so weiter.
Sie ist schon da, aber es fühlt sich an, als würde ich innerlich ertrinken.
Ich weiß, dass es genug Luft gibt – nur irgendwie nicht für mich. Macht das Sinn?
Und nein – ich werde mich jetzt nicht beruhigen.
Meine Lungen füllen sich nämlich gerade irgendwie mit Wasser.
Eine Welle nach der anderen bricht auf mich ein,
und dazwischen bekomme ich keine Luft mehr.
Ich habe bisher immer dazwischen Luft bekommen. Können wir das bitte besprechen?
Es ist eine Welle, und noch eine Welle – und immer so weiter.
Ich hab doch gesagt, dass ich kurz eine Pause brauche.
Und jetzt drücken mich die Wellen runter,
und ich komme so gar nicht dagegen an.
Ich hab noch ein bisschen Kraft,
aber sie geht gerade weg – von Welle zu Welle.
Von Atemzug zu Atemzug.
Also ernsthaft jetzt: Ich bekomme wirklich keine Luft.
So viel Druck von oben. So wenig Luft.
So wenig Kraft und so wenig Lust, wieder aufzutauchen.
So wenig Lust zu lächeln.
So viel Traurigkeit.
So viel Leere in mir – und so viel Wasser über mir.
So wenig Luft für mich.
Hey, hallo?
Ich weiß, ich bin etwas abgetaucht, ich will auch nicht stören.
Aber weißt du – ich hab da die Sache mit der Luft.
Also die Sache ist, dass ich sie einfach nicht bekomme.
Nee, nee, alles gut, nur diese eine Sache.
Gott, woher kommt denn all das Wasser?
Seht ihr nicht, dass ich ertrinke?
Jaja, ich denke auch, die letzte Welle war’s. Na und?
Jaja, da kam ich irgendwie nicht mehr richtig hoch. Na und?
Jetzt seh ich die Sonne durch die Meeresoberfläche brechen,
während ich immer weiter nach unten sinke.
Ich glaube, ich habe aufgegeben.
Fühle mich schwerelos.
Bin endlich ganz, ganz weit weg.
Meine Traurigkeit hat mich runtergezogen wie ein Anker.
Alles ist dumpf.
Alles ist endlich ganz weit weg.
Tut mir leid, dass ich so traurig bin.
Tut mir leid, dass mir das doch passiert ist.
Dachte nicht, dass es mir passiert.
Ich find’s okay.
Irgendwie habe ich endlich meine Ruhe.
Ich bin so erschöpft – und nachdem ich endlich aufgehört habe zu kämpfen…
Da kam nun diese Leichtigkeit.
Nichts mehr in mir kämpft.
Es hat einfach aufgehört.
Ich glaube, ich löse mich endlich auf.
Das ist so befreiend.
Und die Sache mit der Luft – die hat irgendwie aufgehört.
Endlich steht meine Welt still.
Und auch wenn die Stille manchmal grauenvoll laut ist,
während ich immer tiefer sinke,
fühle ich mich irgendwie „beschützt“.
Wie in Watte gepackt.
Alles fühlt sich so sanft und weich an.
So friedlich. So ruhig.
Auf meinem Meeresboden.
So weit weg von allem. So weit weg von euch.
Tut mir leid, dass die Welt zu viel für mich ist.
Tut mir leid, dass ihr mir zu viel seid.
Tut mir leid, dass ich so traurig bin.
Tut mir leid, dass ich nicht zurück will.
Ich habe versucht hochzukommen, wirklich.
Tausende Male.
Aber mein Akku ist doch so schrecklich leer, wisst ihr?
Bitte holt mich nicht.
Bitte lasst mich doch endlich mal sein.
Bitte lasst es sein.
Ich mag meinen Meeresboden. Da kann ich mich auflösen.
Gut, dass mir das passiert ist.
Ja, ich bin traurig.
Ja, ich habe Angst.
Ja, ich ertrinke innerlich.
Gut, dass mir das passiert ist.
Denn jetzt sitze ich hier und betrachte alles beschützt aus der Ferne.
Endlich muss ich niemand sein, gar nichts tun,
niemand reißt an mir, zerreißt mich.
Und vielleicht bin ich nicht nur Licht,
sondern auch Schatten. Und vielleicht ist das okay.
Also, Traurigkeit – dann lass uns mal sprechen.
Wer bist du und woher kommst du?
Was willst du mir sagen?
Und warum warst du so stark, mich runterzuziehen?
Erzähl’s mir.
Du wirst es nicht glauben – aber endlich habe ich mal bisschen Zeit.
Schön, von dir zu hören.
Mit wem denkst du eigentlich, dass ich die ganze Zeit spreche?
