PANDAHAUSEN

SCHREI ENDLICH!

Leopold streckte und reckte sich gemütlich in seiner Hängematte. Er war überzeugt, dass seine langen Tatzen bestimmt den Zaun der Nachbarn berührten, nahm jedoch keine Berührung wahr. War er etwa kleiner geworden? Wird man nicht größer, je älter man wird? Etwas seltsam kam es ihm schon vor. Leopold erinnerte sich an Opa-Panda, der ab einem bestimmten Lebensjahr ein Etikett auf dem Körper trug, das die Anmerkung „Ab jetzt schrumpfe ich“ enthielt. Mama erklärte ihm damals, dass Pandas nun mal aufgrund des abnehmenden Flüssigkeitsgehalts im Körper schrumpften. Das Etikett musste Opa jedoch nicht lange tragen, da es viel zu offensichtlich war und nicht extra notiert werden musste. In der Testphase wurden teilweise noch Fehler gemacht, doch jetzt hatte sich das System stabilisiert und bewährt. Wo würden wir denn hinkommen, wenn wir alle Bewohner auch mit den offensichtlichen Informationen etikettieren würden? Das hätte wohl kaum einen Mehrwert im Zusammenleben und würde tendenziell eher zur absoluten Verwirrung des Verstandes führen. Man könnte sich vor lauter Etiketten gar nicht mehr bewegen. Geschweige denn, jemand könnte all die Informationen lesen. Die 10 prägendsten Eigenschaften waren nun vollkommen ausreichend. Grundlegend.
Er lächelte über den Gedanken, dass er vielleicht schrumpfte. Die Wissenschaft war sich einig, dass das Schrumpfen bei Pandas erst im Alter von 45 Jahren auftreten konnte. Punkt.
In Pandahausen passierten keine unvorhersehbaren Dinge mehr. Pandas in seinem Alter fingen auf keinen Fall das Schrumpfen an. Sie hatten seit dem Krieg über die Jahre stark an ihrem Zusammenleben gearbeitet, um es allen Pandas so einfach und effizient wie möglich zu machen. Sie hatten geforscht und sich auf Persönlichkeitsanalysen fokussiert. Sie hatten herausgefunden, wie es zu dem grauenvollen Krieg kommen konnte. Dann hatten sie die Etiketten eingeführt und Pandas mit Etiketten versehen. Das waren kleine Notizen, die bestimmte Eigenschaftsmerkmale von Stereotypen enthielten. Die Bevölkerung wurde in bestimmte Gruppen eingeteilt und jeder wusste nun genau, was er zu erwarten hatte.

So konnten sie sich auf die wesentlichen Dinge im Leben konzentrieren und wurden vom sozialen Miteinander nicht abgelenkt. Er erinnerte sich, wie ihm seine Mama erzählte, dass sie doch stets einige Herausforderungen bei der Deutung ihrer Gesprächspartnerin hatte und es ihr oft den Kopf zerbrach. So war sie unkonzentriert am Arbeitsplatz und machte durchaus den einen oder anderen Fehler. „Mag sie mich? Sind ihr Kinder wichtig?“ Grauenvoll musste das gewesen sein. Vermutlich brauchte man Jahre, um einen anderen Panda wirklich kennenzulernen. Herauszufinden, was er fühlte und ob er zu einem passte. Dies stellte er sich nicht nur hinsichtlich möglicher Beziehungen sehr schwierig vor. Das System der Etiketten erleichterte in der Tat das Zusammenleben.

Innerlich spürte er schon wieder diese Unruhe. Seit Monaten ging ihm das nun schon so. Er versuchte es zu ignorieren und sank noch etwas tiefer in seine gemütliche Hängematte. Er bekam Lust auf ein Gläschen Enzianschorle. Danach erschien ihm die Welt immer etwas sanfter und liebevoller. Die Kräuter entspannten ihn und sein kritisches Gemüt. Allerdings hatte er gestern bereits zu tief in den Enziantopf geschaut. Er atmete tief die frische Luft ein. Es roch nach frisch gemähtem Gras. Wie wunderbar, dass der Nachbar immer dienstags den Rasen mähte. Leopold hatte auf seinem Etikett gelesen, dass er ein sehr akribisches Wesen war, dem das Aussehen des Gartens natürlich von größter Bedeutung war. Nebenbei wusste er dadurch auch, dass ihm ein freundlicher und herzlicher Umgang mit den Nachbarn am Herzen lag und dass er sich im Alter eine eigene Bambusplantage wünschte. Ausführlichere Informationen wurden den Bewohnern nämlich regelmäßig in der Form einer Zeitschrift zugestellt, da nicht alles auf dem Körper notiert werden konnte. Große Überschriften mit „Was Sie im Mai von Ihrem Kontrollfreak erwarten dürfen“ schmückten die Titelseite der Pravo und neulich half es ihm perfekt, die Launen seines Freundes zu verstehen. Sehr hilfreich, diese zusätzlichen Informationen. Er hob alle Zeitschriften auf und wenn er jemanden neu kennenlernte, dann recherchierte er im Nu, was die einzelnen Eigenschaften bedeuteten. Sehr hilfreich, diese Etiketten. Angeblich wurde gerade an einer App gearbeitet, durch die sich die Recherche nochmal deutlich erleichterte. Man konnte dann die einzelnen Merkmale eingeben und bekam eine vollständige Persönlichkeitsanalyse. Aktuell hatte jeder Bewohner eine Liste von Etiketten auf seinem Körper kleben, die dem Gegenüber neben einigen Eigenschaften sogar genauestens verrieten, was er dadurch zu erwarten hatte. In Zukunft würde womöglich ein einfacher QR-Code ausreichen. Er fragte sich nur, ob ihm die offensichtliche Beschriftung des Gegenübers fehlen würde. Schließlich müsste man dann erstmal das Handy benutzen. Da Leopold ein sehr ängstliches Wesen war, gefiel ihm das System grundlegend sehr gut. Liebevoll strich er über sein Angst-Etikett. Es zupfte etwas an seiner Haut und manchmal ärgerte er sich, aber im Großen und Ganzen verstand er durchaus, dass es seinen Sinn hatte. Er liebte es, wenn sein Umfeld dadurch mehr Rücksicht auf ihn nahm und er sich nicht aus seiner Wohlfühlzone bewegen musste.

Also, wenn er so Recht überlegte, kamen ihm diese Etiketten manchmal sehr eindimensional vor, jedoch musste man doch einfach den Vorteil sehen. Er konzentrierte sich und zählte innerlich die Vorteile auf. Zuhause an seinem Kühlschrank hing eine ausführliche Liste mit all den Vorteilen und natürlich kannte er sie bereits auswendig.

Er hatte neulich von den Pandas hinter dem Berg gehört, die sich wohl komplett von diesen Etiketten befreit hatten. Körperlich klang eine solche Freiheit im ersten Moment wundervoll. Jedoch waren sie bestimmt den ganzen Tag mit der Deutung des Gegenübers beschäftigt. Ein Gefühl der Panik stieg in ihm hoch. Wie sollte er sich denn auf einen anderen Panda einlassen, wenn ihm nicht bestimmte Basisinformationen zur Verfügung standen? Er liebte diese soziale Struktur und Ordnung. Pandas mit gleichen Etiketten trafen sich und tauschten sich konfliktfrei über ihr Leben aus. Sie hatten gemeinsame Hobbys oder persönliche Präferenzen. Manchmal waren die Unterhaltungen sehr eintönig, aber es kam nie zum Streit. Er selbst mied andere Pandas, die nicht mindestens zu 80 % mit seinen Persönlichkeitsmerkmalen übereinstimmten. Das würde nur zu Konflikten führen und Konflikte führen zu Krieg. Niemand wünschte sich Krieg. Er wünschte sich, dass sein Opa noch bei ihm wäre, denn durch seine Äußerungen erkannte er stets den Vorteil. Opa hatte den Krieg miterlebt und wusste genau, warum ein solcher Vorfall niemals wieder passieren durfte. Nach den Gesprächen mit ihm wusste er früher stets den Frieden zu schätzen. Manchmal hatte er Angst, dass seine Generation vergessen könnte. Dass sich womöglich Fehler wiederholten.

Seine Gedanken kehrten zu den Pandas hinter dem Berg. Eine ehemalige Mitstudentin lebte nun dort. Sie war eine dieser unbezwingbaren Freigeister, die oft dazu neigten, die gesellschaftliche Ordnung zu gefährden. Vermutlich hatten diese Pandas keine Großeltern, die stets die Vorteile aufzeigten. Im Endeffekt ist es gut, dass sie gegangen ist. Mit all den revolutionären Kämpfern und Heuchlern. Für ihn waren es unrealistische Träumer und er war sich sicher, dass sie irgendwann alle angekrochen kamen. Es machte für ihn keinen Sinn, gegen Strukturen zu kämpfen, deren Mehrwert eindeutig überwog. Oft demonstrieren sie mit Schildern wie „Befreit euch von den Etiketten!“, „Schreit endlich auf!“, „Wehrt euch!!“ und „Wir passen in keine Schublade!“

Natürlich passen wir in keine Schubladen. Er schmunzelte, weil er sich direkt vorstellte, wie er versuchte, seinen wohlgenährten Körper in eine Schublade seiner Schlafzimmer-Kommode zu pressen. Er fand sich selbst oft sehr amüsant, aber sein Persönlichkeitsprofil beinhaltete das nicht. So war er leider eher durch fehlenden Humor bekannt. Schrumpften wir etwa, um schließlich in Schubladen zu passen? Er mochte seine Größe und wollte eigentlich nicht schrumpfen.
Die Pandas hinter dem Berg waren „Anders“ und für „Anders“ interessierte er sich so gar nicht. „Anders“ machte ihm Angst und „Anders“ brachte ihn immer viel zu sehr ins Grübeln. Solche Pandas verursachten eine innere Unruhe in der Region seines Herzens. Am Ende würde er sie noch verstehen und auch hinter den Hügeln hausen. Könnte man dort Urlaub machen, dann würde er vielleicht einmal im Jahr dieses Leben wählen. Sie machten es sich dort schon sehr leicht. Vielleicht als kleine Inspiration und Auszeit vom Alltag. Oft taten ihm seine eigenen Etiketten etwas weh und einige hatten sich leider schon fürchterlich entzündet. Das war seine Schuld und das waren auch nur die, an denen er nervös rieb, wenn sie in einer Unterhaltung thematisiert wurden. Es waren nur die, mit denen er sich nicht so ganz wohlfühlte, aber man konnte schließlich nicht alles seiner Persönlichkeit abbilden. Dafür hatte er auch absolutes Verständnis. Als wäre es möglich, all die Feinheiten zu erfassen, die ein Charakter mit sich bringt. Jeder seiner Freunde hatte mit dem einen oder anderen Attribut zu kämpfen. Man darf da nur nie den Vorteil aus den Augen verlieren. Ja, der Vorteil...

Problematisch war nur, dass es wirklich sehr weh tat. Vielleicht benötigen wir nur eine andere Befestigungstechnologie? So war es sehr schmerzhaft. Nicht nur an den Entzündungen, sondern auch in seiner Brust. Dieser dumpfe Kloß, diese Unruhe und der Schmerz. Bloß weil er die Gemütlichkeit liebte, gutes Essen verehrte und etwas mehr auf den Rippen hatte, war er doch beispielsweise kein fauler Panda. Leider stand das auf einer seiner Etiketten mit drauf und sein Chef bei der Arbeit beobachtete ihn stets mit doppelter Aufmerksamkeit. Oft gab er ihm mehr Arbeit oder er musste länger bleiben, da seinem Chef Weiterentwicklung wichtig war und er gegen dieses negative Attribut ankämpfen sollte. Leo fragte sich nur, was es brachte, da die Etiketten momentan aus Gründen der Effizienz höchstens zweimal im Leben an entscheidenden Entwicklungsstufen angepasst wurden. Der letzte Wechsel war noch nicht lange her und war unglaublich schmerzhaft gewesen. Seine Etiketten würden nun für immer bleiben, denn Pandas ändern sich im Alter nicht mehr. So erschien es ihm doch recht sinnlos, dass sein Chef besonders auf ihn achtete. Es kam ihm vor, als würde er sich gar nicht mit ihm beschäftigen und ihn nicht verstehen. Seit 10 Jahren war er nun schon in der Druckerei tätig und er war wirklich sehr fleißig.

Wut kochte in ihm hoch. Immer diese Wut. Das stand nicht mal auf ihm. Er war ein friedlicher Panda. Quasi zu faul, um wütend zu sein. Diese Wut konnte bzw. durfte er doch gar nicht fühlen. Doch kochte und brodelte es in ihm. Vielleicht sollte er einen Psychologen aufsuchen, da er nicht das Gefühl hatte, dass sein Inneres den Etiketten entsprach. Vermutlich lag der Fehler bei ihm selbst, denn die restlichen Pandas im Dorf schienen unglaublich glücklich zu sein. In solchen Momenten fiel es ihm sehr schwer, den Vorteil der Etiketten zu sehen. Er mochte diese Zweifel nicht. Er fragte sich, ob die restlichen Pandas wirklich so glücklich waren oder ob sie sich manchmal auch mit Wut und Zweifeln auseinandersetzen mussten. Manchmal hatte er das Gefühl, dass er eine gewisse Leere in ihren Augen wahrnahm. Es konnte sein, dass er sich das einbildete. Wenn er mutig wäre, dann könnte er seine Sorgen teilen. Dann würde er fragen, wie es seinen Freunden wirklich ging. Sie waren zwar keine Gruppe, die gerne über Gefühle sprach, aber vielleicht waren auch hier die Etiketten nicht korrekt. Er schämte sich für den Gedanken. Aber, wenn er mutig wäre, dann wäre er vermutlich in der Lage, etwas gegen die Vorurteile, die ein solches System mit sich bringt, zu unternehmen. Vielleicht war er in Wirklichkeit mutig? Vielleicht war er in Wirklichkeit lustig? Aber wer konnte das schon beurteilen. Er selbst wohl eher nicht und er wollte das System auf keinen Fall durch seinen eigenen Wunsch nach Freiheit gefährden. Das wäre sehr egoistisch.
Er drehte sich in seiner Hängematte und die linke obere Ecke seines Angst-Etiketts riss ein. Der Schmerz übermannte ihn und in Gedanken fing er an zu schreien. Er schrie und schrie. Er schrie all die Enttäuschung in Bezug auf falsche Behandlung, die dumpf sinnigen Gespräche mit immer den gleichen sich selbst bestätigenden Pandas und den körperlichen und seelischen Schmerz heraus. Er schrie aufgrund der Leere, die sich in seinem Leben breitmacht und die er auch in den Augen seiner Mitpandas erkannte. Er schrie, weil er von sich und seinem Verhalten selbst enttäuscht war. In Gedanken. Tatsächlich rann ihm nur eine kleine Träne über seine große Pandabacke.
Irgendwann, wenn er nicht mehr so ängstlich wäre, dann – ja dann – würde er laut schreien und Richtung Berge rennen. Zu diesen wunderbaren Rebellen, die von einer freien Welt träumten. Denn an einem friedlichen und sonnigen Nachmittag würde endlich seine Realität zusammenbrechen und er würde realisieren, dass er ganz gewiss in keine Schublade passte und dass er keine Lust hatte zu schrumpfen.

 

 

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