DIE GESCHICHTE ÜBER MEIN INNERES SCHISSERLE
Und so sitzt mein inneres Schisserle an manchen Tagen auf meiner Schulter und schreit fürchterlich laut:
„Nein, mach das nicht! Mach das bloß nicht, das kennen wir nicht, davor haben wir Angst!“
Es hyperventiliert und schreit mir ins Ohr. Fast kippt es in Ohnmacht vor lauter Angst. Ja, es ruft sogar um Hilfe: „Jetzt lass das doch endlich sein!“
Es hat unglaublich Schiss.
Mein inneres Schisserle hat sich nämlich jahrelang pudelwohl gefühlt – in meiner selbstgesteckten Wohlfühlzone. Es war sein Bereich. Es hat die Grenzen sorgfältig abgesteckt und rebelliert, weil ich mir erdreiste, drüber hinauszuschreiten. Es war sein Reich – sein Bereich, in dem absolut nichts Unerwartetes passiert.
Und immer, wenn ich etwas wahrhaft Mutiges tun will, dann kommt es raus und führt sich auf:
„Ich will aber nicht! Du weißt doch, was damals passiert ist – das war doch kein schönes Gefühl. Damals in unserer Kindheit. Das war doch nicht toll. Lass uns so bleiben, wie wir sind. Spinnst du denn vollkommen?!“
Und dann fängt es an, wild Situationen aufzuzeigen und mir Szenarien aufzumalen, die alle in einer unvermeidlichen Katastrophe aus Verletzungen und Demütigungen enden.
Es bangt wirklich um sein Leben. Es hat so viel Angst und hat nur diese eine Mission: mich zu beschützen.
Es meint es gut mit mir. Es will nicht, dass ich verletzt werde.
Mein inneres Schisserle ist ein Persönlichkeitsanteil von mir, der auf Basis meiner Erfahrungen entstand – ein Teil in mir, der mich schützen will. Und nicht immer geht es hier um eine tatsächliche Gefahr.
Unsere Angst hat in lebensbedrohlichen Situationen durchaus ihre Berechtigung. Sie hatte damals als Urinstinkt vor dem Säbelzahntiger durchaus ihre Daseinsberechtigung.
Heute, wenn wir an einem Abgrund spazieren gehen würden, macht Angst Sinn.
Doch was ist, wenn sie nicht real ist?
Wenn die Abgründe nicht wirklich real sind?
Wenn uns jene Angst davon abhält, wundervolle Dinge zu tun und zu erleben?
Wenn uns unsere Angst davon abhält, uns selbst zu verwirklichen?
Wenn unsere Angst unseren eigenen Wachstum blockiert – jenen Wachstum, der sich außerhalb der Wohlfühlzone befindet?
Was machen wir dann?
Alte Ängste, die auf Basis früherer Erfahrungen unser inneres Schisserle erstarren lassen.
Damals, als sie dich ausgelacht haben.
Damals, als du Ablehnung erfahren hast.
Damals ...
Mein Schisserle macht einfach seinen Job, als hätte sich nichts verändert.
Als hätte ich mich nicht verändert.
Unsere Angst will uns schützen, doch bremst sie uns teilweise einfach aus.
Bremst uns aus, über uns selbst hinauszuwachsen.
Das arme Schisserle – es hat so unglaubliche Angst.
Vielleicht muss ich ihm nicht mehr alles glauben. Ich habe zumindest beschlossen, dass ich ihm nicht mehr alles glaube.
Dass ich ihm zwar zuhöre, ihn bewusst wahrnehme, jedoch nicht einfach so glaube. Vielleicht sind das alte Ängste.
Manchmal bringt er mich gar köstlich zum Schmunzeln, und manchmal nimmt er mir noch die Luft zum Atmen.
Dann fühle ich mit ihm und rede mit ihm.
Erkläre ihm, dass es doch gar nicht so gefährlich ist und wie viel Wundervolles dadurch entstehen kann.
Frage ihn, wie wir das nun am besten gestalten, ohne dass einer von uns durchdrehen muss.
Unsere Persönlichkeitsanteile meinen es gut mit uns – sie sind nie gegen uns.
Ich erkläre ihm, dass er mich nicht mehr beschützen muss, weil ich jetzt stark bin.
Weil ich meine tiefste Dunkelheit gespürt habe – und sie überlebt habe.
Weil es für mich nun vollkommen okay ist, zu fallen.
Weil es schlimmer wäre, es nicht zu probieren.
Weil es mir mehr Angst machen würde, irgendwann zurückzublicken und festzustellen, dass ich mich niemals getraut habe.
Und so taucht das kleine Schisserle von Tag zu Tag seltener auf, denn es hat jetzt eine Kontrahentin auf der anderen Schulter.
Auf die hat es nun wirklich nicht immer Lust.
Dort sitzt eine kleine, mutige Gestalt, die von Tag zu Tag immer stärker wird.
Sie gibt dem Schisserle manchmal direkt bei seiner Ankunft einen Klaps auf den Mund und flüstert mit liebevoller und gutmütiger Stimme:
„Lass sie machen. Sie kann das.
Sie ist groß und wundervoll.
Sie ist tapfer und stark.
Sie hört dich, und sie wird vorsichtig sein – doch blockiere sie nicht.
Bestätige sie nicht, wenn es schiefgeht.
Sie hat gelernt zu fallen.
Sie hat gelernt aufzustehen.
Also bremse sie nicht, wenn sie zu schnell rennt.
Sie kann das.“
WIllst du auch ein bisschen mutiger sein und mal einen genaueren Blick auf deine inneren Anteile werfen?
