LOST
„Ich bin verloren gegangen. Wie eine Sache. Nur irgendwie anders.“
Betrachtet man das Universum, ist es nicht sehr spektakulär, dass ich irgendwie verloren gegangen bin. All die Planeten und der weite Weltraum. Schrecklich viele Planeten. Und Leere und nichts. Und dann, auf der Erde, da kam ein Mensch abhanden. Durch bestimmte Lebensumstände kam der Mensch von der Straße des Lebens ab. Hat sich verlaufen, hat sich verloren. Im Universum hat es keinerlei Bedeutung, keine Auswirkungen, keine Folgen. Es ist wie eine kleine Münze, die aus der Tasche fällt und niemand bemerkt. Es spielt keine Rolle. Oder? Ich bin unsicher. Betrachtet man die Einzelheiten spielt es doch eine Rolle. Betrachtet man die Münze und dessen Besitzer, der vielleicht nur eine Münze hatte, dann spielt es eine Rolle. Doch betrachtet man das Universum, dann und nur dann, spielt es scheinbar keine Rolle. Was ist also die Wahrheit? Spiele ich eine Rolle?
Und während ich tagein, tagaus mit der Schwere meiner selbst hadere und die Stille unglaublich laut ist, dann wünsche ich mir, dass es auch für mich keine Rolle mehr spielt. Dass auch meine Hoffnung stirbt. Denn das wäre sehr erleichternd. Aber ich bin zu faul, um aufzugeben. Auch das wäre zu viel Aufwand. Und so sitze ich hier und denke darüber nach, ob ich eine Rolle spiele. Mein Schmerz ist manchmal so laut, dass er alle Räume füllt. Jeden einzelnen in der ganzen Wohnung. Er schreit mir entgegen. Er lacht laut über meine Dummheit. Meine Naivität und ihren Glauben an das große Glück. Er zieht sich zurück und stößt mir in alltäglichen Situationen so fest ins Herz, dass Ihr die Luft zum Atmen fehlt. Wieso bekomme ich andauernd so wenig Luft?
Er heuchelt mir Besserung vor und überfällt mich von hinten, wenn ich glaube, dass sie auch nur einen Schritt ohne ihn gehen könnte. Er ist allgegenwärtig und gleichzeitig nicht präsent. Auch die Stille in meinem Leben erscheint immer unerträglich. Unerträglich still und gleichzeitig ist es in meinem Inneren so unerträglich laut. Ich will schreien, aber es gefällt mir nicht, wie meine Stimme klingt. Also schreie ich innerlich und wundere mich, warum es dann niemand hört. Warum hört mich niemand und warum sieht niemand wie ich zerbreche? Warum bin ich so allein? Aber es ist schließlich mein Kampf. Wer würde es verstehen? Ich weiß nicht mal, was ich hier bekämpfe. Um was geht es? Manchmal wünsche ich mir selbst Glück. Mit einem Lächeln um die Lippen, wie man es Menschen schenkt, von deren vollkommen verrückten Plänen man fasziniert ist und gleichzeitig weiß, dass sie scheitern werden.
Bin ich eine traurige Geschichte?
Aber ich habe Hoffnung. Hoffnung will nicht sterben. Sobald in den vollkommen absurdesten Situationen sich unter tausenden von Wolken ein minimaler Lichtstrahl durch schleicht, auch wenn nur zufällig: Das Gefühl der Hoffnung schnappt ihn sich und macht ein vollkommen anderes Thema daraus. Sie manipuliert, weil sie gute Beziehungen zu dem Selbsterhaltungstrieb hat. Gemeinsam sitzen sie im Hinterzimmer des Bewusstseins und tun so, als würden sie Pläne schmieden. Sie schmieden keine Pläne. Sie haben nie wirklich einen Plan. Sie wissen nicht, wie es weitergeht. Sie vermitteln nur, dass es weitergeht.
Meinetwegen kann die Hoffnung sterben.
