IDENTITÄTSKRISE EINES WORTES
NICHTS
Sie hatte keine Lust aufzustehen und den Tag zu beginnen. Sie sah keinen Grund. Diese Antriebslosigkeit machte ihr langsam zu schaffen. Sie hatte das Gefühl, dass sie innerlich leer war. Sie starrte an die Decke. Sollte sie heute im Bett bleiben? Einen weiteren Tag? Sie wusste genau, dass sie dadurch verblassen würde. Ist das wichtig? Klar, sie war ein außerordentlich wichtiges Wort. Für die Menschen.
Immer ging es um die Menschen. Welche neuerdings vermehrt den negativen Zusammenhang in ihren Sätzen nutzten. Besonders der Zusammenhang zur „inneren Leere“ und der „Gefühlsblindheit“ machte ihr zu schaffen. „Ich fühle nichts!“ „In mir ist irgendwie nichts!“. Wenn sie als Wort überhaupt noch genutzt wurde – neuerdings dominierte das „nix“. Die Sprache schien langsam zu verfallen. Es ist kein Wettbewerb, wie oft man verwendet wurde, aber das Gefühl verstärkte sich, dass sie ersetzt wurde. Würde sie bald aus der Sprache vollkommen verschwinden? Und dann noch diese heuchlerische Verwendung. Menschen neigten dazu, dass sie behaupteten, dass „nichts“ ist und dann war eben doch „etwas“. Darüber hatte sie sich neulich mit dem Wort „etwas“ unterhalten. „Etwas“ hatte mit seiner undefinierbaren Bedeutung keinerlei Probleme. Anscheinend fragte sich „Etwas“ nicht, ob die Undefinierbarkeit etwas mit der eigenen Identität zu tun hatte. Er war einfach ein Wort, das sich freute, wenn es benutzt wurde.
Wort. Identität. Was hatte das für einen Sinn? Sie waren nicht einfach „nur“ Wörter. Die Menschen würden schön dumm aus der Wäsche gucken, wenn sie keine Wörter mehr hätten. Sie sinnierte darüber, wie es wäre, wenn sie ihre eigene Verwendung und ihren eigenen Einsatz bestimmen könnte. Dann wären nicht mehr sie, sondern die Menschen fremdbestimmt.
Fremdbestimmt. Sie fühlte sich ohnmächtig. Und leer. Tatsächlich fühlte sie sich wie ein „nichts“.
Eigentlich bemerkten die Wörter die unbewusste sprachliche Verwendung nicht. Das lief alles im Schlaf ab. Warum fühlte sie es? In der Schule hatten sie gelernt, dass sie nur die bewusste geschriebene literarische Verwendung erreichte. Die Trennung zwischen den Bewussten und Unbewussten war von großer Bedeutung. Wenn die Wörter schliefen, dann lief die sprachliche Verwendung ab. Wenn sie wach waren, dann nährten sie sich von der Verwendung in wundervollen Geschichten. In vollkommen verdrehten Zeitachsen. Zeit existierte in der Welt der Wörter nicht.
Schmunzelnd dachte sie daran, wie es auf dem Pausenhof oft Streitigkeiten gab und sich Artikel und Bindewörter damit brüsteten, wie oft sie genutzt wurden. Die nahmen sich schon sehr wichtig – sagten doch schließlich nichts aus. Ergaben allein keinen Sinn.
Sie versuchte sich zu fokussieren und an all die wundervollen Verwendungen zu denken. Wenn Menschen absolut „nichts“ fehlte und sie „nichts“ brauchten. Dieses Gefühl der Geschichten des „Angekommenseins“, der „inneren Ruhe“ – dann durfte es in Geschichten mit Wörtern wie „Glückseligkeit“ und „Frieden“ auftreten. Das waren die großen Wörter, denn darum ging es im Leben der Menschen wirklich. Um sie zu erlangen, gingen die Seelen der Menschen einen beschwerlichen Weg. Sie mussten ihre Seelenaufgabe erkennen und lernen, in absoluter Balance zu leben. Auf dem Weg dahin mussten sie jedoch auch durch Erfahrungen wachsen. Leid überwinden. Sogenannte Negativwörter drückten oft tiefgreifende Gefühle aus – und Schmerz und Trauer fanden ihren Platz. Sie gehörten zum Leben und in jedes Gefühlsspektrum. Eigentlich waren sie mindestens genauso wichtig wie alle anderen Wörter in der Welt der Wörter. Zusammen ergaben alle Wörter ein wundervolles Konstrukt, welches den Menschen ermöglichte, alles auszudrücken und ihre Reise zu meistern. Schade, dass die Negativwörter auf dem Schulhof so verspottet wurden. Ihrer Meinung nach waren alle ein wichtiger Teil der Gesellschaft. Sie gehörten dazu – nur so funktionierte es.
Sie hatte sich selbst immer als sehr besonders wahrgenommen – sie fand schließlich in allen Gefühlslagen ihren Ausdruck. So vielseitig. So funkelnd. So perfekt. Nicht nichts.
Sinn der Abschottung zum Unterbewussten war, dass die Wörter nicht dauerhaft beansprucht wurden und emotional nicht unter den diversen Verwendungen litten. Sie hatten schließlich auch Gefühle. Was trennte sie dann von dem Mensch-Sein?
Ihr Psychologe sagte, dass es höchst ungewöhnlich war, dass sie einen Kontext der Verwendung so stark wahrnahm und in sich selbst spürte. Er meinte, dass er das eigentlich nur von hochsensiblen Menschen kannte, denn er studierte die Menschen anhand der verwendeten Wörter schon jahrelang. Super, das war ihre Lebensgeschichte – das erste hochsensible Wort! Ob es wohl anderen auch so ging?
Neulich hatte sie eine Gruppe belauscht, in welcher sich darüber echauffiert wurde, dass die Menschen neuerdings Geschlechter vermengten. Das ist sehr sehr wichtig für die Menschen. Leider nicht für alle, aber für immer mehr. Die Gesellschaft der Wörter wusste an der einen oder anderen Stelle noch nicht, wie sie die Herausforderung angehen sollte, doch das würden sie bestimmt von den Menschen gesagt bekommen. Als wären die Menschen der Arbeitgeber. Nie durften sie einen eigenen Vorschlag einbringen, dabei kannten sie sich selbst doch am besten. So fremdbestimmt. Aktuell entstehen neue Wörter, die notwendig sind, um sprachlich alles erfassen zu können. Existiert etwas ohne das Wort dazu? Aber die Menschen fragen die Worte nie, was Sie darüber denken. Die sollen den Job erst mal so lange machen, wie sie, und dann sehen wir weiter. Oje, jetzt hatte sie es auch Job genannt.
Aber wer war sie schon?
Vielleicht war sie in Wirklichkeit kein Wort. Alles an ihr kam ihr seltsam vor und sie konnte sich mit der Menschheit besser identifizieren als mit Wörtern. Die Wörter erschienen ihr so oberflächlich. Fröhlich hüpften sie durch die Wörterwelt, erzählten mit Begeisterung von den tollen Geschichten, prahlten mit ihren Verwendungen und es schien fast so, als wären sie nur dafür geschaffen.
Sie war definitiv kein Wort.
Ob ein angebliches Wort wohl ein Mensch werden konnte? Die Frage gab ihr ausreichend Antrieb, um aufzustehen. Es war an der Zeit, es endlich herauszufinden. Sie würde ein Mensch werden und endlich in all ihren Facetten und Gefühlen akzeptiert sein. Hoffnung durchflutete sie. Am besten, sie machte sich direkt auf zu den Wissenschaftswörtern – wer weiß, vielleicht hatten sie bereits von einer derartigen Transformation gehört.
Dann war sie endlich nicht mehr „nichts“, sondern ein Mensch. Sie würde auch den Weg der Glückseligkeit beschreiten und inneren Frieden finden.
