DAS MÄDCHEN MIT DEM PERFEKTEN HAUS

Gegenüber von mir ist ein Mädchen aufgewachsen, und ich habe sie beobachtet. Über all die Jahre.

Jetzt ist sie bereits eine junge Frau. Ich sah sie mit zwei Jahren im Garten spielen. Ihre Augen glitzerten, und ihr Haar wehte wild und unbändig im Wind. Wenn ich sie in all ihrem Strahlen ansah, hatte ich immer das Gefühl, dass ich ihre Seele spüren konnte. Sie war wie pures Licht. Sie erschien unbezwingbar. Sie war wunderschön.

Manchmal lauschte ich den Fragen, die sie ihren Eltern stellte, und amüsierte mich über die Sichtweise, die dieses kleine Mädchen auf die Welt hatte. Eine unverfälschte und lebendige Sicht. Eine mutige und herausfordernde Sicht. Oft recht simpel – und so wahr. Sie sprach oft davon, dass sie gerne ein eigenes kleines Häuschen im Garten bauen würde. Schon bald begannen sie gemeinsam mit diesem wundervollen Projekt. Es schien, als hätte das kleine Mädchen ganz eigene Vorstellungen vom Hausbau. Sie legte die einzelnen Steine an verschiedene Stellen und erklärte voller Elan und Begeisterung, warum ihr das in diesem wundervollen Haus wichtig war. Sie strickte sich ihre eigene Vorstellung eines Hauses zusammen. Brachte etwas nicht hin, lernte sie schnell – und fand wundervolle, individuelle Lösungen. Sie ließ sich einfach treiben. Nutze ihre grenzenlose Kreativität und vertraute sich selbst. Ihre Mama stand stets dabei und mischte sich niemals ein. Sie half ihr an der einen oder anderen Stelle, gab Vorschläge oder erzählte, wie es ihr gefallen würde. Sie gab nichts vor. Sie klatschte ständig. Es wurde ein gar wundersames Häuschen, bei dem ich nie verstand, wie es zusammenhielt. Doch wenn ich das kleine Mädchen durch das Fenster winken sah, ihr Funkeln in den Augen wahrnahm, ihre Begeisterung für den schrägen Fensterrahmen spürte – ja, dann war ich mir sicher: Es musste Liebe sein. Anders konnte ich es mir nicht erklären.

Ab dem Kindergarten fing sie an, Freunde einzuladen. Sie wollte nun großartige Partys feiern und mit echten Menschen Tee trinken. Ihre Puppen hatten ihr lange gedient. Von Party zu Party bemerkte ich, dass das Mädchen begann, das Häuschen ein wenig zu verändern. Meistens gleich am nächsten Tag. Ich hörte ihre Mama oft fragen, ob sie das wirklich so wollte. So füllte sie an einem Tag die Lücken zwischen den Holzstämmen, damit es nicht mehr so zog – schließlich mochte das Anna nicht. Sie lackierte die Tür rosa, weil die meisten Mädchen in ihrem Kindergarten die Farbe toll fanden. Schließlich wollte sie, dass den anderen ihr wundervolles Häuschen genauso gut gefiel. Ihre Augen strahlten immer, wenn sie hörte, wie perfekt das Häuschen sei. Doch wenn ich sie allein im Garten sah, beachtete sie ihr Häuschen immer weniger. Es strahlte sie kaum noch an. Inzwischen war sie in der Grundschule und hatte über die Jahre vieles an ihrem Häuschen verändert. Toll fand sie es meist nur, wenn ihre Freunde da waren und sie dafür lobten. Ihre Augen verloren das Funkeln, wenn sie allein in ihrem Häuschen war. Manchmal ging sie hinein und machte es sauber, aber das kleine Mädchen, das vor Freude platzend die Fensterläden öffnete, sah ich nicht mehr. Immer öfter sah ich ein weinendes Mädchen, das sich nach einem Streit mit den Eltern ins Häuschen zurückzog und dort schmollte. Manchmal arbeitete sie noch daran – mit einem verbissenen und immer weniger fröhlichen Gesicht. Sie wollte, dass es ein perfektes kleines Häuschen war. Dass jede*r es bewunderte.

Ich verfolgte sie in meinen Beobachtungen, und eines Tages sah ich, dass sie ihr eigenes Häuschen kaputt machte. Es hatte sich so sehr verändert, dass sie es selbst nicht mehr mochte. Es war nicht mehr ihre Wahrheit. Es war gar nicht mehr ihr Häuschen, sondern ein Häuschen, das anderen gefiel. Und während ich zusah, wie sie auf das Häuschen einschlug und die Wände einriss, vernahm ich wieder das Lodern ihrer Seele in ihren Augen. Während sie laut rief, dass sie es hässlich fände und dass sie in einem solchen Haus nicht wohnen wolle, sah ich, wie sie innerlich größer und entschlossener wurde. Ich bewunderte diese kleine, unbezwingbare Seele, die sich nicht in ein Häuschen sperren lassen wollte, das aus den Vorstellungen anderer bestand. Ich beobachtete voller Ehrfurcht, wie die Jugendliche den Hammer schwang und alles niederriss, was man ihr über die Jahre gesagt hatte. Was man ihr beigebracht hatte, was schön sei und was ein Häuschen nun einmal haben müsse. Und noch mehr beeindruckte mich, als ich sah, wie sie ihren ursprünglichen Traum, ihr damaliges Häuschen, wieder aufbaute.

Jetzt sehe ich die junge Frau zu Besuch bei ihren Eltern. Dann geht sie immer in ihr Häuschen, setzt sich mit geschlossenen Augen hinein – tief versunken in sich selbst – und mit einem Lächeln auf den Lippen sitzt sie in ihrem eigenen Traum. Ich kann sie durch das krumme Fenster noch immer sehen. Erbaut nach ihren eigenen Vorstellungen. Ich stelle mir vor, dass das Innere des Häuschens wild und verrückt gestaltet ist. Aber vor allem stelle ich mir vor, dass es grenzenlos ist. Denn damals, als sie es zum ersten Mal erbaute, wusste sie noch nichts von all den Vorgaben und Normen, die ihr später vielleicht auferlegt wurden. Ich stelle mir vor, dass sie dort, in ihrem ganz eigenen glückseligen Land sitzt. Ich stelle mir vor, dass sie auch als Erwachsene dorthin geht, um ihre Träume nicht zu vergessen. Ich stelle mir vor, dass in die Holzwände all ihre Träume eingeritzt sind. Und dass sie dort ist, um sich daran zu erinnern – und Kraft zu sammeln.

Um zu verhindern, dass das Leuchten in ihren Augen jemals wieder getrübt wird.

Das stelle ich mir vor.

Aber was weiß ich schon.
Vielleicht ist es einfach nur ein Häuschen in einem Garten.

 

 

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