CAFÈ DES SEINS

In meinem Wunderland gibt es ein Café.


Ein schiefes Schild aus altem, morschem Holz hängt über einer roten Tür, an der bereits der Lack absplittert.
Die Tür wirkt trotzdem edel, da sie einen goldenen, verzierten Türknopf hat.
Sie hat etwas Magisches an sich. Durch die Fugen leuchtet stets ein helles Licht.

Anfangs habe ich mich schwergetan, sie auch nur zu öffnen – geschweige denn, hindurchzugehen.
Sie wirkte sehr morsch und klemmte häufig.
Auf dem Schild ist „Café des Seins“ eingeritzt.

Dahinter befindet sich nichts. Kein Café. Keine Tische. Keine Stühle. Nur die gleiche Wiese wie vor der Tür.
Dichtes, grünes Gras, das man – allein wenn man es sieht – unbedingt barfuß erleben will.
Doch es gibt auch kein helles Licht. Es scheint sich hier tatsächlich nicht einmal um ein richtiges Gebäude oder um eine Hütte zu handeln. So scheint es nur die vordere Wand zu geben.

Links und rechts wachsen hohe, dichte Bäume, und gegenüber offenbart sich ein unglaublicher Blick auf das Meer.
Anscheinend wurde das Café direkt an eine Klippe gestellt, und ich bin erschlagen von diesem wundervollen Ausblick.
Scheinbar befinden wir uns an der einen Seite einer Bucht, denn rechts von mir kann ich den weiteren Verlauf sehen.
Ich blicke hinunter und sehe wunderschönen Sand und einen Steg mit einem einzigen kleinen Boot.
Rechts an den Klippen befindet sich tatsächlich eine kleine, in den Stein gemeißelte Treppe.

Wie man dorthin kommt?
Noch habe ich nicht alle meine Bereiche in meinem Wunderland entdeckt.

Kurz vor der Klippe steht ein großer Sessel.
Ein alter Ohrensessel, der gemütlich aussieht.
Er strahlt das Gefühl von Geborgenheit aus.
Wenn ich mich in den Sessel setze, dann passt er sich automatisch an mich an.
Oder passe ich mich dem Sessel an?

In diesem Café verliert man scheinbar auch sein Körpergefühl, denn ich wusste wirklich nicht, was hier wem angepasst wurde.
Ich habe noch nie in meinem Leben in so einem gemütlichen Sessel Platz genommen.

Es ist mir vollkommen egal, was hier wem angepasst wird.
Es gibt hier auch keine Bedingungen. Keine Menschen. Kein Essen. Kein Trinken.
Es gibt nichts außer mir, dem unglaublichen Ausblick und diesem wunderbaren Sessel.

Die Stickereien auf dem Sessel sind so detailreich, dass ich zu Beginn dachte, ich könnte niemals alle Einzelheiten erfassen.
Kein Fünkchen Wind, denn die Bäume scheinen mich von absolut allem abzuschirmen.
Sogar die Luft scheint neutral zu sein. Ich rieche nichts. Ich fühle auch keine Temperatur.

Zu Beginn habe ich mich gefragt, was ich wohl an diesem neu entdeckten Ort in mir machen soll.
Wofür ist er wohl da? Schließlich ist alles für irgendetwas da.
Alles hat seine Funktion und seinen Sinn. Oder etwa nicht?

Ich fragte mich, wo die Jahreszeiten sind.
Ich ging oft durch diese Tür und langweilte mich schnell.
Ich bekam Hunger oder Durst, wollte gerne ein Glas Wein in diesem wundervollen Sessel genießen.
Was war das nur für ein seltsamer Ort?

Ich bin ein neugieriger Mensch, und so wollte ich verstehen, warum es diesen Ort gab.
Warum befand er sich in meinem Wunderland? Schließlich war es auch immer noch mein Wunderland – mit diesem wundervollen Sessel.

Ich vermisste ein gutes Buch, das ich in vollkommener Stille darin lesen konnte.
Irgendwie kam mir der Ort sehr unfertig vor. Sollte ich ihn einrichten?
War das mein absoluter Wohlfühlort, an dem ich machen konnte, was mich glücklich macht?
Ein ruhiger Platz zum Lesen in der Natur?

Ich versuchte, meine Bücher an diesen Ort mitzunehmen, doch jedes Mal, wenn ich durch die Tür ging, hatte ich sie nicht mehr dabei.
Ich versuchte, leckeres Essen und ein gutes Getränk mitzunehmen – auch das verschwand beim Durchgang durch jene magische Tür.
Sogar mein Notizblock, auf dem ich all meine großen Lebensfragen notiert hatte, verschwand spurlos.

Gelangweilt, weil ich nichts mit mir anzufangen wusste, verließ ich den Ort wieder.
Doch der Sessel ging mir einfach nicht aus dem Kopf.
Immer wenn ich darin saß, durchflutete mich ein Gefühl der Zuversicht.
Ein Gefühl der endlosen Liebe und des puren Vertrauens.
Als wäre alles einfach nur in Ordnung.

Eines Tages, als ich durch mein Wunderland spazierte, betrachtete ich noch einmal das Schild.
Das Wort „Café“ war verblasst, als hätte es allen Mächten der Natur getrotzt und den Kampf verloren.
Klar und deutlich war das Wort „Sein“.

Und plötzlich verstand ich.

Und so gehe ich heute gerne an diesen Ort – durch diese wunderbare, magische Tür.
Ich atme auf der einen Seite ein und auf der anderen Seite aus.
Ab dem Zeitpunkt, an dem ich das ehemals falsch benannte Café betrete und mich in den magischen Sessel setze, gibt es nur noch mich.

Hier darf ich nur „sein“.
Hier bin ich pures Bewusstsein.
Hier löse ich keine Probleme.
Hier gibt es keinen Weltschmerz. Keine Zweifel.

Hier übe ich mich darin, nicht nachzudenken.
Hier schalte ich die Stimme aus, die dauerhaft alles kommentiert.
Hier existiere ich einfach nur.
Hier verliere ich mich in meinem eigenen „Sein“.
Der absoluten, ultimativen Ruhe.

Ich gebe mich dem Gefühl von innerem Frieden hin.
Ich fing an, erst einmal zwei Minuten innezuhalten.
Meine Gedanken, die immer und immer wieder hochkamen, liebevoll beiseitezuschieben.
Meine Umgebung verblassen zu lassen.

Von Woche zu Woche schaffte ich es, etwas länger auszuharren.
Und ja – „ausharren“ ist das richtige Wort, denn so magisch der Sessel auch erschien:
Ich musste für meinen inneren Frieden selbst sorgen.
Meine Gedanken selbst loslassen.
Meine eigene Stimme im Kopf ignorieren.

Ein harter Kampf. Ein anstrengender Prozess.
Einfach nur sein.

Manchmal gebe ich mich vollkommen dem Gefühl des Gleichmuts hin.
Ich fühle heitere Gelassenheit, da ich hier nichts machen kann.
Da ich hier niemand sein muss.
Mich niemand erreicht.
Mich absolut niemand erreicht.

All meine Sorgen und meine Zweifel sind so weit weg.
Ich habe beschlossen, dass sie nicht durch die Tür dürfen.
Und auch wenn ich zu Beginn direkt das Café betrat, harre ich nun erst einmal vor der Tür aus.

Ich atme vor der Tür aus und ein – und lasse los.
Und wenn die Leichtigkeit anfängt, durch meinen Körper zu fließen, dann betrete ich diesen wundervollen Ort.

Mein Café des Seins, an dem es inneren Frieden zum Frühstück gibt.
Serviert mit einer großen Portion Hoffnung und einem Glas Liebe.
Ein Ort, an dem man ankommt und durchströmt wird von Vertrauen.
An dem ich manchmal das Gefühl habe, dass sich mir meine Seele zeigt.
An dem ich mein eigenes grenzenloses Bewusstsein wahrnehmen kann.

Besonders vor sehr stressigen Tagen statte ich diesem Café einen Besuch ab.
Oder vor großen Entscheidungen.
Wenn ich das Gefühl habe, dass ich durch den Alltag wieder den Kontakt zu meinem wahren Selbst verloren habe oder meine Intuition einfach nicht spüren kann.

Dann lasse ich all das hinter mir und gönne mir eine kurze Auszeit.
Und wenn es nur zehn Minuten sind – so gibt es mir ausreichend Kraft und Zuversicht.
Zaubert mir ein Lächeln auf die Lippen und zeigt mir immer wieder aufs Neue,
dass ich nur ich sein kann, wenn ich bei mir bin.

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